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Warum Montavilla nun nicht mehr Muumuu heißt

Eigentlich wollte ich euch heute mein neues Lieblingstop, ein Montavilla Top, zeigen und diesen Blogpost auch gleich nutzen, um ein wenig zu erklären, warum das Montavilla jetzt eben NICHT mehr Muumuu heißt. Wie sich rausstellt, hab ich dazu aber unglaublich viel zu sagen und es fühlt sich irgendwie komisch an, bei diesem Post massig Bilder von mir grinsend auf der Wiese einzufügen. Mein Top gibt es deshalb in einem extra Post. Hier und heute soll es stattdessen einfach nur um verschiedene Themen gehen, die im englischsprachigen Nähraum in den letzten Monaten für Aufregung gesorgt haben. Themen wie bessere Größenspektren bei den Schnitten, damit auch dickere Menschen, nähen können und wie kulturelle Aneignung. Ich hab diese wichtigen Diskussionen zwar nur beobachtet, aber mir doch auch viele Gedanken dazu gemacht, die ich gerne mit euch teilen möchte.

2019 scheint das Jahr der Diskussionen im amerikanischen bzw. englischsprachigen Nähraum zu sein. Schon vor einigen Monaten kochten die Emotionen hoch, als es darum ging, ob die Designer unfair und diskriminierend agieren, wenn sie ihre Größen begrenzen. Eine Designerin hatte einen Blogpost geschrieben, in dem sie erklärte, warum es schwieriger ist für größere Größen zu gradieren. Nachdem viele andere Designer zustimmten, mussten sie sich viel Kritik anhören. Um genauer zu sein, explodierte der dazugehörige Kommentarteil auf Instagram praktisch. Viele dickere Näherinnen – und andere Leute, die aufgrund ihres Körpers bzw. ihrer Vorlieben (modisch, sexuell etc.) nicht in die Standardmaße und -schubladen der Designer passten – waren entsetzt über das gegenseitige Schulterklopfen der Designer (z. B. dieser Blogpost). Auch die “Verteidigungsreden” vieler Designer trugen wenig zu einer Versöhnung bei. Sie fühlten sich wohl sehr angegriffen (was ich auch verstehen kann) und reagierten aus einer unguten Position heraus. Vor Jahren hab ich einige Bücher von Brene Brown über die Scham gelesen und darüber, dass Leute, die “beschämt” werden (sorry, hab das alles auf Englisch gelesen), nicht ruhig und kontrolliert antworten. Kritik, die von vielen so auf einen niederprasselt und bei der es oft nicht nur um die Sache geht, sondern man auch als Mensch angegriffen wird, kann so sehr schwer angenommen werden. Die Designer haben sich also verteidigt, statt sich einfach zu entschuldigen, sich Gedanken über die eigentliche Sache zu machen und die ersten Schritte zu tun, um sich dort zu bessern udn weiter zu entwickeln. Das Ganze ging deshalb ganz schön hin und her und es hat eine Weile gedauert. Schlussendlich haben aber – glücklicherweise – viele Designer einiges überdacht und seitdem erscheinen nun bei immer mehr Designern Stück für Stück auch Schnitte in größeren Größen. Klasse, oder?

Im deutschsprachigen Raum gibt es ja schon viele Designer, die wirklich viele Größen anbieten, was ich echt toll finde. Trotzdem ist es aber auch bei uns sicher so, dass Menschen, die nicht in unser Standardbild (junge bis “mittelalte”, normalgewichtige, hellhäutige Frau mit Familie – oder kurz davor) passen, in der Nähwelt stark unterrepräsentiert sind. Dabei gibt es sie bestimmt auch, die Dickeren, die Homosexuellen, die die keine Kinder wollen (oder bekommen können!), die Behinderten, die Schwarzen, die mit Kopftuch usw. Klar, der deutschsprachige Raum ist kleiner und das Nähhobby ist vielleicht einfach nicht so weit verbreitet. Nichtsdestotrotz gibt es sicher auch bei diesen Menschen, welche die nähen. Dass wir sie praktisch überhaupt nicht auf Blogs, Instagram und facebook zu Gesicht bekommen, sagt vielleicht mehr über unsere Gesellschaft und auch uns aus, als uns lieb ist. Diskriminierung ist für uns, die wir typisch weiß, heterosexuell, gut ausgebildet und normalgewichtig sind, wohl einfach nichts, das wir ganz verstehen können. Auch ohne es bewusst zu wollen, sprechen unsere Taten oft eine ganz andere Sprache. Ich z. B. muss mir da auch an die eigene Nase fassen. Schließlich schreibe ich auch nicht in jedes Produkt, dass es für Transsexuelle, Lesben oder dickere Frauen genauso wie für die 0815 Frau von nebenan geeignet ist. Es heißt ja auch in jedem Businessratgeber, dass man sich gedanklich einen Musterkunden/ eine Musterkundin basteln soll, an die man verkauft, denn, wer ganz allgemein alle anspricht, spricht eigentlich niemanden an. Es ist wohl nicht überraschend, dass meine Kundin ziemlich gut durch die 0815 Frau von nebenan dargestellt wird. Diese Frau kenne ich, ich weiß, wie ich sie ansprechen kann, wie sie tickt, was sie denkt und mag. Und so geht es wahrscheinlich den meisten. Wir sprechen automatisch, die an, die wir “kennen” und “verstehen”. Aber was ist mit den anderen? Mit denen, die keiner anspricht? Schwierige Sache oder wie seht ihr das?

Und nicht nur dieses Thema hat die amerikanische Nähwelt aufgewühlt. Vor kurzem kam ein neues Thema auf: kulturelle Aneignung (wikipedia). Dabei geht es darum, dass traditionelle und/oder religöse Objekte einer Kultur von einer anderen Kultur aufgegriffen und kommerzialisiert werden. Das ist wohl eine Sache, die in den USA immer wieder zur Sprache kommt, um deutlich zu machen, dass Weiße weiterhin viele Vorteile genießen und dabei auch andere Kulturen ausnützen.

Letztes Jahr gab es zum Thema kulturelle Aneignung schon mal einen Aufruhr der indigenen US-Näherinnen als Tula Pink eine weibliche Indianerin mit Kopfschmuck als Hauptdesign einer ihrer Kollektionen hatte. Sie hat dieses Design dann – ohne Ersatz – zurückgezogen (s. dieser Artikel). Ich muss zugeben, dass ich damals dachte ” So what? Wo ist das Problem?”. Bei uns ziehen ja die Kinder auch Indianerkostüme am Fasching an. Soll das dann falsch sein? Und wenn jetzt jemand eine Frau in Lederhosen malt, flippen dann vielleicht alle aus? Die Argumentation, dass der Kopfschmuck nur von Männern getragen wird und dass diese sich jede einzelne Feder durch besondere Taten verdienen müssen, leuchtete mir nicht so recht ein. Es ist doch nur ein Bild. Oder vielleicht doch nicht? Inzwischen verstehe ich, was das Problem ist, denn im Laufe der aktuellen Diskussion habe ich viel Neues gelernt, das ich gerne mit euch teilen möchte. Kulturelle Aneignung hat immer auch eine Vorgeschichte. Da werden dann Gefühle verletzt, auch wenn es eigentlich nur ein Bild oder ein Begriff ist. Lasst mich das mal erklären:

Ihr habt bestimmt schon mal ein T-Shirt, eine Jacke oder ein Kleid mit Kimonoärmeln gesehen/gekauft/genäht/getragen? Oder vielleicht kennt ihr Schnittmuster, die sich …-Kimono nennen. Nachdem verschiedene japanisch-stämmige Näherinnen wiederholt an Designerinnen geschrieben haben, dass sie diese Schnitte bitte umbennen sollen, da es sich trotz der ähnlichen Ärmel eben um keine Kimonos handelt, tat sich leider erst mal nichts. Den Designerinnen war sicher einfach nicht bewusst, wie sehr sie damit die japanischstämmige Bevölkerung der USA oder auch Japaner selbst verletzten. Als ich auf das Thema aufmerksam wurde, dachte ich auch erst: ” Oh, Mann, irgendwas finden die doch immer, um sich aufzuregen”. Dieser Artikel, My Kimono ist not your Couture, hat mich dann eines Besseren belehrt und mich auf ein geschichtliches Unrecht hingewiesen, von dem ich wirklich noch nicht viel wusste. Während des 2. Weltkriegs, als die USA und Japan im Krieg miteinander waren, wurden in den USA wurden mehr als 100.000 Personen der japanischen Minderheit verhaftet und in Straflager gebracht. Einfach so. Grundlos. Sie hatten nichts verbrochen. Ihr Pech war einfach nur, dass sie aussahen wie der Feind. Sie wurden teilweise enteignet und in die Lager konnten sie nur wenig mitnehmen. Trotzdem entschieden sich manche dafür, ihre Kimonos mitzunehmen, obwohl sie diese in den Lagern nicht tragen konnten. Warum? Wie der Artikel ausführlich erklärt, ist ein Kimono nicht irgendein Kleidungsstück. Ein Kimono wird nur an ausgewöhnlichen Festtagen getragen und innerhalb der Familie von Generation an Generation weitergegeben. Ein nahezu heiliger Gegenstand, in den gewickelt man sich wie von seinen Vorfahren umarmt fühlt. Wow, oder? Aber okay, selbst wenn dieser Gegenstand so besonders ist, ist vielleicht noch nicht ganz klar, warum es so schlimm ist, wenn andere Kleidungsstücke auch so genannt werden oder warum es für die Japaner komisch ist, wenn irgendjemand einfach so einen Kimono trägt, ohne wirklich zu wissen, welche tiefe Bedeutung dieser hat. Um das zu Verstehen müssen wir nochmal in die Lager im 2. Weltkrieg zurück. Ich denke jeder von uns muss, wenn er zweiter Weltkrieg und Lager hört, automatisch an die Juden denken. Ich hab mal überlegt, wie sich wohl ein Jude fühlen würde, wenn wir Deutschen plötzlich die Kippa zum It-Piece erklären würden. Wäre das nicht völlig pietätlos. Stellt euch vor, wir würden lässig in kurzer Hose, Tanktop und Flipflops am Badesee abhängen und statt Strohhut hätten wir eine Kippa auf. Wär das nicht perfekt, um das Leiden der Juden ins Lächerliche zu ziehen. Und würde es nicth vielleicht durch unsere Uneinsichtigkeit, dass das doch auch nur ein Hut ist, noch schlimmer. Menschen, die früher völlig zu Unrecht in den USA in Lagern gefangen gehalten wurden, können und wollen es verständlicherweise nicht mehr akzeptieren, dass diejenigen, die damals einfach weggesehen haben, sich nun in einem Kimono schmücken oder ihre Kleidungsstücke Kimono nennen. Dieses heilige Kleidungsstück gehört zu ihnen und ihrer Kultur und wir anderen tun alle gut daran, sie dabei zu unterstützen.

Nachdem ich die Hintergründe zum Kimono verstanden hatte, hab ich mich übrigens auch an die Indianerin von Tula Pink erinnert. Plötzlich konnte ich verstehen, warum es sich für amerikanische Ureinwohner falsch anfühlt, wenn 1. eine Frau Kopfschmuck trägt und v.a. 2. ihre Kultur und Tradition für den Kommerz genutzt wird. Tula Pink meinte es wahrscheinlich wirklich nicht böse, aber ihre Uneinsichtigkeit (auf einem Video vom Quilt Market Wochen später zieht sie die Einwürfe etwas ins Lächerliche) zeigen leider, dass sie es wohl auch mit etwas Abstand nicht geschafft hat, ihre Beschämung hinter sich zu lassen und sich wirklich damit auseinander zu setzen und zu verstehen, was falsch daran war. Auch wenn ihr Vater anscheinend selbst indianische Wurzeln hat, wäre es wohl einfach vor der Veröffentlichung sinnvoll gewesen, mit verschiedenen Indianerstämmen zu reden und sie zu fragen, ob ein solches Bild, sie verletzt.

Naja, das Ganze ist schon irgendwie harter Tobak. Aber ich hoffe, das ich vielleicht die eine oder andere von euch zu ein paar eigenen Gedanken anregen konnte. Bei diesem Artikel würde ich mich wirklich wahnsinnig über einige Kommentare von euch freuen, da mich eure Meinung zu diesen Themen wirklich sehr interessiert.

Bevor ich dann jetzt den Großen aus dem Kindergarten hole, möchte ich aber noch den Kreis schließen und auf das Montavilla zurückkommen. Bisher hieß dieses ja Montavilla Muumuu, da es von hawaiianischen Muumuukleidern inspiriert war. Die Designerin Peggy von Sew House 7 hat sich während der Diskussion um den Kimono ihre eigenen Gedanken über das Montavilla gemacht. Aus Respekt vor der hawaiianischen Kultur und da sie auf keinem Fall jemanden verletzen wollte, hat sie sich entschieden, ihren Schnitt umzubennen und das gleiche hab ich natürlich für die deutsche Version gemacht. Auch wenn ich davon ausgehe, dass ich hier im deutschsprachigen Raum mit der Bezeichnung Muumuu niemanden verletzt habe, möchte ich mich entschuldigen, sollte dies doch geschehen sein. Weder Peggy noch ich hatten Böses im Sinn und wir hoffen, dass wir unseren Respekt vor fremden Kulturen durch diese Namensänderung deutlich machen können.

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