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Warum Montavilla nun nicht mehr Muumuu heißt

Eigentlich wollte ich euch heute mein neues Lieblingstop, ein Montavilla Top, zeigen und diesen Blogpost auch gleich nutzen, um ein wenig zu erklären, warum das Montavilla jetzt eben NICHT mehr Muumuu heißt. Wie sich rausstellt, hab ich dazu aber unglaublich viel zu sagen und es fühlt sich irgendwie komisch an, bei diesem Post massig Bilder von mir grinsend auf der Wiese einzufügen. Mein Top gibt es deshalb in einem extra Post. Hier und heute soll es stattdessen einfach nur um verschiedene Themen gehen, die im englischsprachigen Nähraum in den letzten Monaten für Aufregung gesorgt haben. Themen wie bessere Größenspektren bei den Schnitten, damit auch dickere Menschen, nähen können und wie kulturelle Aneignung. Ich hab diese wichtigen Diskussionen zwar nur beobachtet, aber mir doch auch viele Gedanken dazu gemacht, die ich gerne mit euch teilen möchte.

2019 scheint das Jahr der Diskussionen im amerikanischen bzw. englischsprachigen Nähraum zu sein. Schon vor einigen Monaten kochten die Emotionen hoch, als es darum ging, ob die Designer unfair und diskriminierend agieren, wenn sie ihre Größen begrenzen. Eine Designerin hatte einen Blogpost geschrieben, in dem sie erklärte, warum es schwieriger ist für größere Größen zu gradieren. Nachdem viele andere Designer zustimmten, mussten sie sich viel Kritik anhören. Um genauer zu sein, explodierte der dazugehörige Kommentarteil auf Instagram praktisch. Viele dickere Näherinnen – und andere Leute, die aufgrund ihres Körpers bzw. ihrer Vorlieben (modisch, sexuell etc.) nicht in die Standardmaße und -schubladen der Designer passten – waren entsetzt über das gegenseitige Schulterklopfen der Designer (z. B. dieser Blogpost). Auch die „Verteidigungsreden“ vieler Designer trugen wenig zu einer Versöhnung bei. Sie fühlten sich wohl sehr angegriffen (was ich auch verstehen kann) und reagierten aus einer unguten Position heraus. Vor Jahren hab ich einige Bücher von Brene Brown über die Scham gelesen und darüber, dass Leute, die „beschämt“ werden (sorry, hab das alles auf Englisch gelesen), nicht ruhig und kontrolliert antworten. Kritik, die von vielen so auf einen niederprasselt und bei der es oft nicht nur um die Sache geht, sondern man auch als Mensch angegriffen wird, kann so sehr schwer angenommen werden. Die Designer haben sich also verteidigt, statt sich einfach zu entschuldigen, sich Gedanken über die eigentliche Sache zu machen und die ersten Schritte zu tun, um sich dort zu bessern udn weiter zu entwickeln. Das Ganze ging deshalb ganz schön hin und her und es hat eine Weile gedauert. Schlussendlich haben aber – glücklicherweise – viele Designer einiges überdacht und seitdem erscheinen nun bei immer mehr Designern Stück für Stück auch Schnitte in größeren Größen. Klasse, oder?

Im deutschsprachigen Raum gibt es ja schon viele Designer, die wirklich viele Größen anbieten, was ich echt toll finde. Trotzdem ist es aber auch bei uns sicher so, dass Menschen, die nicht in unser Standardbild (junge bis „mittelalte“, normalgewichtige, hellhäutige Frau mit Familie – oder kurz davor) passen, in der Nähwelt stark unterrepräsentiert sind. Dabei gibt es sie bestimmt auch, die Dickeren, die Homosexuellen, die die keine Kinder wollen (oder bekommen können!), die Behinderten, die Schwarzen, die mit Kopftuch usw. Klar, der deutschsprachige Raum ist kleiner und das Nähhobby ist vielleicht einfach nicht so weit verbreitet. Nichtsdestotrotz gibt es sicher auch bei diesen Menschen, welche die nähen. Dass wir sie praktisch überhaupt nicht auf Blogs, Instagram und facebook zu Gesicht bekommen, sagt vielleicht mehr über unsere Gesellschaft und auch uns aus, als uns lieb ist. Diskriminierung ist für uns, die wir typisch weiß, heterosexuell, gut ausgebildet und normalgewichtig sind, wohl einfach nichts, das wir ganz verstehen können. Auch ohne es bewusst zu wollen, sprechen unsere Taten oft eine ganz andere Sprache. Ich z. B. muss mir da auch an die eigene Nase fassen. Schließlich schreibe ich auch nicht in jedes Produkt, dass es für Transsexuelle, Lesben oder dickere Frauen genauso wie für die 0815 Frau von nebenan geeignet ist. Es heißt ja auch in jedem Businessratgeber, dass man sich gedanklich einen Musterkunden/ eine Musterkundin basteln soll, an die man verkauft, denn, wer ganz allgemein alle anspricht, spricht eigentlich niemanden an. Es ist wohl nicht überraschend, dass meine Kundin ziemlich gut durch die 0815 Frau von nebenan dargestellt wird. Diese Frau kenne ich, ich weiß, wie ich sie ansprechen kann, wie sie tickt, was sie denkt und mag. Und so geht es wahrscheinlich den meisten. Wir sprechen automatisch, die an, die wir „kennen“ und „verstehen“. Aber was ist mit den anderen? Mit denen, die keiner anspricht? Schwierige Sache oder wie seht ihr das?

Und nicht nur dieses Thema hat die amerikanische Nähwelt aufgewühlt. Vor kurzem kam ein neues Thema auf: kulturelle Aneignung (wikipedia). Dabei geht es darum, dass traditionelle und/oder religöse Objekte einer Kultur von einer anderen Kultur aufgegriffen und kommerzialisiert werden. Das ist wohl eine Sache, die in den USA immer wieder zur Sprache kommt, um deutlich zu machen, dass Weiße weiterhin viele Vorteile genießen und dabei auch andere Kulturen ausnützen.

Letztes Jahr gab es zum Thema kulturelle Aneignung schon mal einen Aufruhr der indigenen US-Näherinnen als Tula Pink eine weibliche Indianerin mit Kopfschmuck als Hauptdesign einer ihrer Kollektionen hatte. Sie hat dieses Design dann – ohne Ersatz – zurückgezogen (s. dieser Artikel). Ich muss zugeben, dass ich damals dachte “ So what? Wo ist das Problem?“. Bei uns ziehen ja die Kinder auch Indianerkostüme am Fasching an. Soll das dann falsch sein? Und wenn jetzt jemand eine Frau in Lederhosen malt, flippen dann vielleicht alle aus? Die Argumentation, dass der Kopfschmuck nur von Männern getragen wird und dass diese sich jede einzelne Feder durch besondere Taten verdienen müssen, leuchtete mir nicht so recht ein. Es ist doch nur ein Bild. Oder vielleicht doch nicht? Inzwischen verstehe ich, was das Problem ist, denn im Laufe der aktuellen Diskussion habe ich viel Neues gelernt, das ich gerne mit euch teilen möchte. Kulturelle Aneignung hat immer auch eine Vorgeschichte. Da werden dann Gefühle verletzt, auch wenn es eigentlich nur ein Bild oder ein Begriff ist. Lasst mich das mal erklären:

Ihr habt bestimmt schon mal ein T-Shirt, eine Jacke oder ein Kleid mit Kimonoärmeln gesehen/gekauft/genäht/getragen? Oder vielleicht kennt ihr Schnittmuster, die sich …-Kimono nennen. Nachdem verschiedene japanisch-stämmige Näherinnen wiederholt an Designerinnen geschrieben haben, dass sie diese Schnitte bitte umbennen sollen, da es sich trotz der ähnlichen Ärmel eben um keine Kimonos handelt, tat sich leider erst mal nichts. Den Designerinnen war sicher einfach nicht bewusst, wie sehr sie damit die japanischstämmige Bevölkerung der USA oder auch Japaner selbst verletzten. Als ich auf das Thema aufmerksam wurde, dachte ich auch erst: “ Oh, Mann, irgendwas finden die doch immer, um sich aufzuregen“. Dieser Artikel, My Kimono ist not your Couture, hat mich dann eines Besseren belehrt und mich auf ein geschichtliches Unrecht hingewiesen, von dem ich wirklich noch nicht viel wusste. Während des 2. Weltkriegs, als die USA und Japan im Krieg miteinander waren, wurden in den USA wurden mehr als 100.000 Personen der japanischen Minderheit verhaftet und in Straflager gebracht. Einfach so. Grundlos. Sie hatten nichts verbrochen. Ihr Pech war einfach nur, dass sie aussahen wie der Feind. Sie wurden teilweise enteignet und in die Lager konnten sie nur wenig mitnehmen. Trotzdem entschieden sich manche dafür, ihre Kimonos mitzunehmen, obwohl sie diese in den Lagern nicht tragen konnten. Warum? Wie der Artikel ausführlich erklärt, ist ein Kimono nicht irgendein Kleidungsstück. Ein Kimono wird nur an ausgewöhnlichen Festtagen getragen und innerhalb der Familie von Generation an Generation weitergegeben. Ein nahezu heiliger Gegenstand, in den gewickelt man sich wie von seinen Vorfahren umarmt fühlt. Wow, oder? Aber okay, selbst wenn dieser Gegenstand so besonders ist, ist vielleicht noch nicht ganz klar, warum es so schlimm ist, wenn andere Kleidungsstücke auch so genannt werden oder warum es für die Japaner komisch ist, wenn irgendjemand einfach so einen Kimono trägt, ohne wirklich zu wissen, welche tiefe Bedeutung dieser hat. Um das zu Verstehen müssen wir nochmal in die Lager im 2. Weltkrieg zurück. Ich denke jeder von uns muss, wenn er zweiter Weltkrieg und Lager hört, automatisch an die Juden denken. Ich hab mal überlegt, wie sich wohl ein Jude fühlen würde, wenn wir Deutschen plötzlich die Kippa zum It-Piece erklären würden. Wäre das nicht völlig pietätlos. Stellt euch vor, wir würden lässig in kurzer Hose, Tanktop und Flipflops am Badesee abhängen und statt Strohhut hätten wir eine Kippa auf. Wär das nicht perfekt, um das Leiden der Juden ins Lächerliche zu ziehen. Und würde es nicth vielleicht durch unsere Uneinsichtigkeit, dass das doch auch nur ein Hut ist, noch schlimmer. Menschen, die früher völlig zu Unrecht in den USA in Lagern gefangen gehalten wurden, können und wollen es verständlicherweise nicht mehr akzeptieren, dass diejenigen, die damals einfach weggesehen haben, sich nun in einem Kimono schmücken oder ihre Kleidungsstücke Kimono nennen. Dieses heilige Kleidungsstück gehört zu ihnen und ihrer Kultur und wir anderen tun alle gut daran, sie dabei zu unterstützen.

Nachdem ich die Hintergründe zum Kimono verstanden hatte, hab ich mich übrigens auch an die Indianerin von Tula Pink erinnert. Plötzlich konnte ich verstehen, warum es sich für amerikanische Ureinwohner falsch anfühlt, wenn 1. eine Frau Kopfschmuck trägt und v.a. 2. ihre Kultur und Tradition für den Kommerz genutzt wird. Tula Pink meinte es wahrscheinlich wirklich nicht böse, aber ihre Uneinsichtigkeit (auf einem Video vom Quilt Market Wochen später zieht sie die Einwürfe etwas ins Lächerliche) zeigen leider, dass sie es wohl auch mit etwas Abstand nicht geschafft hat, ihre Beschämung hinter sich zu lassen und sich wirklich damit auseinander zu setzen und zu verstehen, was falsch daran war. Auch wenn ihr Vater anscheinend selbst indianische Wurzeln hat, wäre es wohl einfach vor der Veröffentlichung sinnvoll gewesen, mit verschiedenen Indianerstämmen zu reden und sie zu fragen, ob ein solches Bild, sie verletzt.

Naja, das Ganze ist schon irgendwie harter Tobak. Aber ich hoffe, das ich vielleicht die eine oder andere von euch zu ein paar eigenen Gedanken anregen konnte. Bei diesem Artikel würde ich mich wirklich wahnsinnig über einige Kommentare von euch freuen, da mich eure Meinung zu diesen Themen wirklich sehr interessiert.

Bevor ich dann jetzt den Großen aus dem Kindergarten hole, möchte ich aber noch den Kreis schließen und auf das Montavilla zurückkommen. Bisher hieß dieses ja Montavilla Muumuu, da es von hawaiianischen Muumuukleidern inspiriert war. Die Designerin Peggy von Sew House 7 hat sich während der Diskussion um den Kimono ihre eigenen Gedanken über das Montavilla gemacht. Aus Respekt vor der hawaiianischen Kultur und da sie auf keinem Fall jemanden verletzen wollte, hat sie sich entschieden, ihren Schnitt umzubennen und das gleiche hab ich natürlich für die deutsche Version gemacht. Auch wenn ich davon ausgehe, dass ich hier im deutschsprachigen Raum mit der Bezeichnung Muumuu niemanden verletzt habe, möchte ich mich entschuldigen, sollte dies doch geschehen sein. Weder Peggy noch ich hatten Böses im Sinn und wir hoffen, dass wir unseren Respekt vor fremden Kulturen durch diese Namensänderung deutlich machen können.

Kommentare

  • Catharina sagt:

    Danke, dass du das so verständlich zusammengefasst hast. Das ist ein guter Gedankenanstoß. Man/Frau ist ja doch leicht in seiner eigenen Blase gefangen und nimmt oft zu wenig von außen wahr. Oder ändert den Blickwinkel…

    • Annika Ferk sagt:

      Genau! Ganz oft meint man es gar nicht böse und verletzt andere, ohne es zu wollen. Da tut es gut, sich auch mal den anderen Blickwinkel anzuschauen.

  • Dominique sagt:

    Ich habe in letzter Zeit einiges zum Thema Alltagsrassismus gelesen, unter anderem ging es einmal auch um Indianerkostüme. Und ja, es gibt Menschen, die sich auch von unserer Faschingskostümen beleidigt fühlen. Ich finde es wichtig und richtig, auf so etwas hinzuweisen. Mir war das vorher nämlich auch überhaupt nicht bewusst.
    Achja: Von uns ein Großes Ja für Behinderte in der Modeszene ❤️😘

    • Annika Ferk sagt:

      Ja, das mit den Faschingskostümen (z. B. auch Chinesen mit möglichst noch geschminkten Schlitzaugen) ist etwas was mir auch erst jetzt bewusst geworden ist. Wobei ich z. B. bei Indianderkostümen hin und her gerissen bin. Wir Mitteleuropäer haben ja nun wenig „Konfliktgeschichte“ mit den Indianern und die Darstellung im Fasching stellt ja eigentlich eine Bewunderung dar. Ist es dann okay? Keine Ahnung? Oder was ist mit Dias del Muertes? Ist ja auch eine wahnsinnig beeindruckende und wichtige mexikanische Tradition. In den letzten Jahren wird das ja auch immer öfter als Kostüm genommen. Schaut halt mega aus. Aber wie viele von uns verstehen auch nur annähernd, was dahinter steckt? Spannend und irgendwie gibt es oft auch nicht die eine richtige Antwort, oder?
      Und JA auch von mir definitiv: Behinderte und überhaupt Andere in die Mode- und auch Nähszene!!!

  • Fiene sagt:

    Lieben Dank für den Denkanstoß! Ich finde, dass in unserer schnelllebigen Zeit oft zu wenig reflektiert wird. Auf der Suche nach einem schönen Design oder guten Markennamen findet man etwas, ist sofort begeistert und setzt es sofort um – ohne auch nur einen Moment innezuhalten, nachzudenken und die Meinung Dritter einzuholen. Das ist etwas, woran wir uns – meiner Meinung nach – häufiger erinnern sollten, denn wer zu schnell läuft, übersieht möglicherweise auch den ein oder anderen Stolperstein und muss dann ggf. Konsequenzen in Kauf nehmen, die weh tun.

    • Annika Ferk sagt:

      Ja, ich denke, es ist einfach so, dass wir uns oft viel zu wenig bewusst sind, in welcher vorteilhaften Position wir als Weiße sind. Vor einigen Jahren war ich mit dem Zug von Italien nach Deutschland unterwegs. Neben mir saß ein super netter junger Mann mit wohl arabischen Wurzeln. Er sprach perfekt Deutsch, ist hier aufgewachsen. An einem der Grenzübergänge gingen Polizisten durch den Zug und kontrollierten Pässe. Den von dem jungen Mann wollten sie sehen. Auch den von zwei Schwarzen im nächsten Abteil. Mir, blond, blauäugig, helle Haut, die höchstens rot, aber sicher nicht braun wird, haben sie nur ein freundliches Lächeln geschenkt. Als sie wieder weg waren, meint ich zu dem jungen Mann, dass das ja wohl grad echt unter aller Kanone war. Sie haben nicht mal pro forma meinen Ausweis kontrolliert, um nicht ganz so deutlich zu zeigen, auf wen sie hier schauen. Der junge Mann meinte nur, dass das immer so sei. Da regt er sich nicht mehr drüber auf. Wie muss es sich anfühlen, wenn allein ein Blick in dein Gesicht, auf deine Haut, die Menschen in Hab Acht Stellung versetzt und dir allein wegen deiner Herkunft alles zugetraut und unterstellt wird?

  • Andrea sagt:

    Spannend! Besonders das mit dem Kimono. Ich denke, dass es tatsächlich sicherer ist, das Muumuu umzubenennen. Auch wenn es natürlich sein kann, dass sie die Hawaiianer evtl. sogar freuen würden, wenn ihr Kleidungsstück in die Welt reist? Ich habe nämlich folgende Erfahrung gemacht: Ich (die 0815-Frau von nebenann: hellhäutig, blond, schlank) habe vor 10 Jahren meine Diplomarbeit in Südindien, in Tamil Nadu, geschrieben. Da habe ich mir einen Sari gekauft, der mir das erste Mal im Geschäft von einer jungen Frau angezogen wurde, die einen tierischen Spaß dabei hatte. Offensichtlich hat sie ihn mir jedoch spiegelverkehrt angezogen, das Tuch hing also über der rechten statt der linken Schulter runter. Draußen hat mich eine ältere Inderin angesprochen, dass das falsch wäre. Ich habe mich natürlich bedankt.
    Den Sari habe ich noch oft angezogen – besonders, wenn es beim Schreiben meiner Arbeit mal nicht so gut lief. Denn wenn ich mit dem Sari über die Straße ging, habe ich immer in freundlich lächelnde Gesichter geblickt, und mir hin und wieder auch ein „nice Sari!“ angehört. Die Frauen schienen es wirklich toll zu finden, dass sich eine hellhäutige Frau die Mühe macht, einen Sari zu binden. Sechs Meter Stoff um sich zu wickeln ist schließtlich auch nicht mal eben gemacht ;-)
    Es scheint also eine Gratwanderung zu sein – wann macht man den entsprechenden Menschen eine Freude, und wann zieht man das ganze unbewusst ins Lächerliche. Danke, dass du das Thema so aufbereitet hast! Es hat mich auf jeden Fall nachdenklich gemacht.

    • Annika Ferk sagt:

      Hallo Andrea,
      was für eine interessante Geschichte. Das war bestimmt eine total spannende Zeit in Indien. Ich hab in einem der vielen Artikel zum Beispiel auch von einer weißen Frau gelesen, die sich seit langem mit der japanischen Kultur beschäftigt und inzwischen auch einen Kimono hat und in einer amerikanischen Stadt (weiß wirklich nicht mehr welche) zu Treffen des japanischen Kulturkreises oder so geht und dort dann auch zu Veranstaltungen den Kimono trägt. Sie schreibt, dass ihr stets mit viel Freude und Wohlwollen begegnet wird. Ich glaube, die Menschen spüren, dass sich da jemand wirklich für ihre Kultur interessiert und das nicht nur als neuestes modisches Accessoire oder Must Have betrachtet. Bei dir hört sich das ähnlich an. Wer für eine Weile so in das Leben dort eintaucht, tritt sicher ganz anders aus als ein typischer Touri.
      Und dann muss man natürlich generell auch noch bedenken, dass das mit der „kulturellen Aneignung“ auch eine sehr amerikanische Sache ist. Ich hatte hier in D den Begriff davor nie gehört. Ich denke das ergibt sich einfach auch aus der weißen Übermachtstellung, die so lange in den USA geherrscht hat und aus der ständigen Benachteiligung der wohl auch heute noch alltäglich ist. Da bekommen – verständlicherweise – Dinge, Worte, Aussprüche etc. eine Bedeutung, über die wir uns gar keine Gedanken machen. In anderen Ländern, wo Sklaverei etc. nicht solch eine Rolle gespielt hat und wo es heute vielleicht nicht so viel Multikulti gibt, können die Menschen sich vielleicht auch einfach eher daran freuen, wenn jemand anderes ihre Kultur toll findet.

  • Sophie sagt:

    Ich habe die ganze Diskussion auch verfolgt, bin aber gänzlich anderer Meinung. Die Schriftstellerin Lionel Shriver hat es für mich perfekt ausgedrückt: Es gibt keine kulturelle Aneignung, weil Kultur niemandem gehört. Ich würde das auch gerne etwas ausführen:
    Erstens fällt mir auf, das kulturelle Aneignung ausschließlich Weißen vorgeworfen wird. „Weiße“ Kleidung/Muster/etc zu übernehmen ist nie ein Problem (auch nicht wenn religiöse Symbolik oder Kleidung verwendet werden). Damit macht man „weiße“ Kultur zu einer Art Basis-Kultur für alle (siehe vor allem Business Kleidung, Alltagskleidung), eine Supra-Kultur. Gleichzeitig wird diese Kultur damit ihrer eigenen Identität beraubt. Stört mich das als Europäerin? Nein, mir ist wurscht, ob man in Japan oder Gabun in Jeans und T-shirt rumläuft, auch wenn diese Kleidungsstücke ganz zentral mit der gesellschaftlichen Revolution im Westen zu tun haben.
    2. Als Bayerin liebe ich das Dirndl und freue mich jeden Sommer auf die neue Version der Wiesendirndls von Loden-Frey. Auf der Wiesn muss ich dann ertragen, was Touristinnen aus aller Welt aus diesem schönen Kleidungsstück machen und so manches Mal tun mir die Augen weh. Aber stört mich das? Nein. Ich weiß, dass es nicht darum geht, Bayern zu beleidigen, sondern Spaß zu haben und ein Kleidungsstück, dass so klischeebeladen ist wie das Dirndl auch mal zu karikieren. Lustigerweise sieht meine Mutter das anders, sie ist Französin und findet es albern wenn Nicht-Bayern Dirndl tragen.
    3. Die Kimono-Affäre: Wieso sollte der Hintergrund amerikanischer Entgleisungen anderen zum Vorwurf gemacht werden? Papercut ist meines Wissens nach aus Neuseeland. Die haben keine Japaner eingesperrt. Und der Kimono ist genau wie jede Tracht in modernen Gesellschaften heute vielleicht nur noch religiösen und feierlichen Momenten vorbehalten, aber vor den Anfängen der Globalisierung waren das Alltagskleidungsstücke! „Entschuldige, aber du beleidigst mich wenn du als Inderin einen Pullunder trägst!“ hört sich merkwürdig an, oder?
    4. Was ist mit Mischlingen/Adoptierten? In meinem Freundeskreis haben wir ein Familie (Vater Franzose/Japaner, Mutter Französin/Neuseeländerin), deren Kinder ethnisch divers aussehen. Der erste kann nur Japaner sein und seinen zwei Brüdern dagegen sieht man den japanischen Hintergrund kein bisschen an. Ich frage mich, wie jemand, der kulturelle Aneignung für ein gültiges Konzept hält, auf die beiden jüngeren reagiert, wenn er sie im Kimono auf der Straße sieht. Müssen/sollen sie dann ihren Stammbaum nachweisen? Sie können außerdem kaum japanisch. Macht sie das zu „schlechteren“ Japanern? Könnten sie sich den Kimono erlauben, wenn sie in Japan aufwüchsen und die ganze Klaviatur japanischer Kultur beherrschten?
    Insgesamt finde ich das Konzept kultureller Aneignung und damit des Besitzes von Kultur erschreckend, zumal in der globalisierten Gesellschaft. Ich denke, dass man sich wirklich überlegen sollte, wo das eigentliche Problem liegt, wenn man sich von „kultureller Aneignung “ verletzt fühlt.
    Lieben Gruß, Sophie

    • Annika Ferk sagt:

      Hallo Sophie,
      ganz herzlichen Dank für deinen Kommentar. Ich verstehe deine Punkte sehr gut, hätte dir bis vor Kurzem großteils sicher zugestimmt. Nachdem ich aber die Diskussion so intensiv verfolgt hab und auch Hunderte von Kommentaren gelesen habe, hat sich meine Meinung zu dem Thema geändert. Und dabei möchte ich eines vorausschicken: Was in den Kommentaren damals abging war – von beiden Seiten – oftmals einfach unglaublich. Ein Hieben und Stechen, das nichts mehr mit einer zielführenden Diskussion zu tun hatte. Kein Spaß! Und gerade auch wie da Papercut sehr persönlich angegangen wurde, war überhaupt nicht okay. Und, wie du schon sagst, sie ist aus Neuseeland und hatte von der ganzen Lagersache und so wahrscheinlich genauso wenig Ahnung wie wir. Ich hab ehrlich gesagt auch den ersten Post, unter dem das wohl alles losging auf Instagram damals nicht gesehen. Warum also gerade sie als die Böse auserkoren wurde, weiß ich nicht. Schließlich gab/gibt es ja wirklich viele Designer, die einen Schnitt mit Kimono im Namen im Programm hatten/haben. In dem Punkt bin ich also wirklich ganz bei dir.

      Ansonsten denke ich muss man bei dem Ganzen aber einen wichtigen Punkt beachten. Es geht, sowie ich das verstanden habe, bei kultureller Aneignung gar nicht unbedingt darum, dass z. B. auf keinem Fall jemand, der keine japanischen Wurzeln hat (oder wie in deinem Beispiel nicht japanisch aussieht), einen Kimono tragen darf. Es geht stattdessen primär um die Kommerzialisierung, darum Geld zu machen mit einer Kultur, die man vorher ausgenutzt und vielleicht auch unterdrückt hat. Und das genau ist eben wohl auch der Unterschied zu westlicher Kleidung im Allgemeinen, bzw. Dirndl und Lederhosen im Speziellen. Wir sind nicht diejenigen die unterdrückt, versklavt, und verfolgt wurden. Wir sind nicht diejenigen, die auch heute noch viel zu oft Diskriminierung und Benachteiligung ausgesetzt sind. Denk mal an die jungen Schwarzen in den USA, die anscheinend viel, viel öfter von der Polizei kontrolliert werden als Weiße, die von klein auf von ihren Eltern eingeprägt bekommen, dass sie bei diesen Polizeikontrollen am besten zu Boden schauen und auf keinem Fall hastige Bewegungen machen sollen, da sonst vielleicht ein Polizist Angst bekommt und einen Fehler macht. Menschen wie diese, die immer wieder von „uns Weißen“ unterdrückt und benachteiligt wurden und werden, sind vielleicht einfach in manchen Sachen etwas „kleinkariert“ wie wir sagen würden. Aber ich denke, du triffst es mit deinem letzten Satz auf den Punkt: das eigentliche Problem ist nicht die kulturelle Aneignung! Das eigentliche Problem ist die noch immer viel zu häufige Diskriminierung und der Rassismus, der mit Donald Trump in den USA, aber auch hier in Europa mit AFD & Co. wieder salonfähig wird. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn Nicht-Weiße einfach 100%ig gleichberechtigt und anerkannt wären, wäre auch die kulturelle Aneignung kein Thema.
      Ich hatte selbst wie du ja auch als ich das mit dem Kimono hörte, genau die gleichen Gedanken. Auch ich musste sofort an bayerische Volksfeste und Asiaten und Japaner in quietschebunten Dirndln und Lederhosen denken. Und auch der Gedanke an die westliche Kleidung an sich kam mir. „Wo ist das Problem?,“ fragte ich mich. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass kulturelle Aneignung eben immer auch was mit der weißen Vormacht zu tun hat. Deshalb ist es eben auch keine kulturelle Aneignung, wenn Inder, Peruaner oder Nigerianer westliche Kleidung tragen. Sie passen sich sozusagen der Übermacht an. Durch die Globalisierung sehen sie, wer Macht hat, wer reich ist etc. Das wollen sie auch und so verbreitet sich unsere Kultur, unsere Kleidung auf der ganzen Welt. (Das mit den Dirndl & Co ist da natürlich ein Spezialfall, aber ich denke wir – oder die meisten von uns – können es eben mit einem Schmunzeln hinnehmen ;) )

      Naja, vielleicht konnte ich dir jetzt noch etwas verständlicher machen, warum ich meine Meinung zum Thema kulturelle Aneignung geändert habe. Es ist ein schwieriges Thema, mit unglaublich vielen Facetten und ich hab sicher auch nicht auf alles die eindeutig richtige Antwort. Ich denke, dass es einfach wichtig ist zuzuhören, sich zu informieren und auch andere Sichtweisen anzunehmen. Ob man dann hinter dem Konzept der kulturellen Aneignung steht oder nicht, ist dabei nicht entscheidend. Aber etwas geschärfte Sinne für all die kleinen Vorteile, die wir als Weiße in unserer westlichen Gesellschaft genießen, können sicher nicht schaden.

      Ganz liebe Grüße

      PS: Ich hoffe, ich konnte das hier so rüberbringen, dass es nicht als Angriff oder Besserwisserei rüberkommt. Ich verstehe deinen Standpunkt wirklich total gut und bin, wie gesagt, selbst weit davon entfernt alles zu diesem Thema (und eigentlich allen anderen Themen ;) ) zu wissen

  • Veronika sagt:

    Super Thema! Aber achtet bitte darauf, dass der Ausdruck „Farbige“ nicht zeitgemäß und bei den Betreffenden meist nicht gern gehört ist. „Farbige“ ist ein Begriff, der in der Rassentrennung benutzt wurde. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber ich benutze die Worte Schwarze Deutsche oder Afro-Deutsche. Oder, wenns keine Deutsche ist, eben Schwarze! :-)
    Danke auch für das Thema Scham hier in diesem Zusammenhang – nein, wir können nicht alles wissen und richtig machen, wie auch. Wir leben in Zeiten des Wandels und lernen immer neu dazu. Daher nicht schlimm, wenn wir was nicht wussten – nur wenn wir nicht dazu lernen. Betrifft mich genauso!
    Liebe Grüße! Veronika

    • Annika Ferk sagt:

      Hallo Veronika,

      danke für den Hinweis. Das ändere ich natürlich sofort! Du hast völlig Recht. In der Tat hab ich da sogar kurz hin und her überlegt. Kennst du das, wenn man manchmal plötzlich nicht mehr weiß, wie man ein Wort jetzt richtig schreibt. Man schreibt 2 oder mehr Varianten auf und alle schauen irgendwie richtig aus? Obwohl man, wenn man nicht drüber nachdenkt, genau weiß, wie man es richtig schreibt?
      So ging mir das gestern mit den Begriffen Farbige und Schwarze. Als ich anfing darüber nachzudenken, war ich mir plötzlich gar nicht mehr sicher, was politisch korrekt ist. eine google Suche hätte mir da wahrscheinlich weiter geholfen, aber irgendwie war ich dann doch überzeugt, dass Farbig richtig ist. Menno!
      Naja, wie du sagst: Solang man dazu lernt und sich Mühe gibt, ist es hoffentlich nicht allzu schlimm.
      Danke für deinen Kommentar, Annika

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